Justine Wong-Orantes über… Disziplin und Müßiggang

28. Dezember 2019
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Die US-amerikanischen Volleyballerinnen haben ihr Olympia-Ticket bereits gelöst. Deshalb hat Justine Wong-Orantes, Libera der US-Nationalmannschaft und des SSC Palmberg Schwerin, keine Verpflichtungen rund um Weihnachten und nutzt die Spielpause mit Partner und Freunden in Paris und London. Zuvor hat die 24-Jährige erzählt, wie ihr Disziplin als Lebensprinzip in Fleisch und Blut übergegangen ist und wofür sie ohne schlechtes Gewissen eine Ausnahme macht.

Justine, es gibt diesen Test mit Kindern, in dem sie entweder eine Süßigkeit sofort haben können oder, wenn sie sich zurückhalten und warten können, später mit zwei belohnt werden. Wie wär das bei Dir ausgegangen?
Ich hätte mich zurückgehalten. Es wär zwar hart gewesen, aber allein die Aussicht, zwei statt nur eine zu bekommen, hätte mich motiviert zu widerstehen.

Die Aussicht auf einen größeren Erfolg später reicht Dir, um auf sofortige Befriedigung zu verzichten?
Ja, auf jeden Fall, weil man dafür später umso mehr belohnt wird. Auch im Volleyball. Es ist natürlich gut, mit dem Kopf in der Gegenwart zu sein, aber für die Motivation braucht man das große ultimative Ziel, auf das man hinarbeitet. Wir wollen Meister werden, also müssen wir uns immer auf dieses Ziel fokussieren und diszipliniert jeden einzelnen Schritt auf dem Weg dahin gehen.

Was genau heißt Disziplin für Dich?
Die Motivation, etwas Großes erreichen zu wollen und sicherzustellen, dass du alles dafür gibst, dich immer wieder darauf prüfst und selbst zur Rechenschaft ziehst. Niemand kann dir vorschreiben, wie sehr du das Spiel liebst, das hängt alles ganz allein an dir. Wenn du etwas wirklich liebst, dann hast du auch viel Disziplin. Am Ende des Tages macht dich das auch glücklicher, wenn du alles geschafft hast, was du dir vorgenommen hast, und weil du auch bessere Ergebnisse erzielst.

Man kann also nur für etwas diszipliniert sein, das man wirklich will?
Ich glaube schon, sonst fehlt einfach die Motivation, die du brauchst. Für etwas, was man nicht wirklich will, so hart zu arbeiten, braucht viel mehr Einsatz und bringt viel weniger Zufriedenheit. Motivation ist der Schlüssel für Disziplin, nur dann arbeitest du an dir, und nur mit Disziplin hast du Erfolg. Das braucht man noch mehr als Talent und Fähigkeiten. Auch im Team ist es wichtig. Klar, man braucht eine gute Chemie miteinander, muss gut miteinander auskommen, aber auch füreinander diszipliniert sein. Wer nachlässig ist, zieht das ganze Team mit runter.

Seit wann ist Disziplin für Dich ein Lebensprinzip?
Ich bin damit großgeworden. Meine Eltern sind beide Volleyball-Trainer, deshalb war es von klein auf normal für mich, dass man täglich zum Training geht.  Mit sechs Jahren habe ich mit Camps und ähnlichem angefangen, ab etwa 12 Jahren wurde es dann ernst, da sind wir durch den ganzen Bundesstaat zu Turnieren gereist. Da musste ich pünktlich sein, immer zum Training erscheinen. Ab da war also richtig Disziplin gefragt.

Das fiel Dir aber nicht schwer, weil Du da praktisch reingewachsen bist?
Ich habe einfach wirklich gern Volleyball gespielt, auch weil es Spaß machte, dass ich mit meinen Eltern spielen konnte. Dafür habe ich das Spiel umso mehr geliebt. Also habe ich alles getan, was getan werden musste, um zu spielen. Ich glaube, wenn man älter wird, ist es weniger, diszipliniert sein zu müssen, sondern es zu wollen, den Drang zu haben. Ich wollte es so sehr, dass es meine Mentalität wurde.

Heißt das, es fällt Dir jetzt total leicht, immer diszipliniert zu sein?
Nein. Es gibt natürlich Hürden, im Leben wie auch im Volleyball, die man nehmen muss. Aber das macht es am Ende so viel zufriedenstellender, weil man so viel härter dafür gearbeitet hat. Und man muss auch Opfer bringen, um seine Ziele zu erreichen.

Welches hast Du zum Beispiel gebracht?
Dass ich dafür, dass ich hier spielen kann und damit später hoffentlich in guter Form für Olympia sein werde, weit weg von meiner Familie bin. Hier im Ausland muss ich auch besonders diszipliniert sein, um meine Gesundheit und Fitness zu erhalten.

Wie meinst Du das? Was ist hier anders als zuhause?
Zum Beispiel beim Einkaufen, wenn ich nicht die Lebensmittel finde, die ich kenne und passenden Ersatz finden muss und Sachen koche, die ich zuhause nicht machen würde. Dazu kommt die Sprachbarriere. Da muss ich sehr aufmerksam sein, um Dinge zu finden, die mir vertraut sind, um in Form zu bleiben.

Kostet es auch deshalb mehr Disziplin, weil die vielen fremden Sachen zum Ausprobieren verführen?
Nein, das nicht. Ich bin eher zurückhaltend, weil ich es nicht mag, Dinge wegzuwerfen, also versuche ich, auf Nummer sicher zu gehen mit dem, was ich kaufe, dass ich das wirklich essen mag.

Also hast Du auch kein Problem damit, Süßem zu widerstehen? Auch nicht an Weihnachten?
Normalerweise versuche ich, nicht zu viel zu naschen. Aber die Feiertage sind wohl die Zeit im Jahr, wo wir auch mal eine Ausnahme machen dürfen.

Und? Machst Du die Ausnahme auch?
Oh yeah! Ich backe auch selbst Plätzchen für Weihnachten.

Wie ist das an freien Tagen? Kannst Du da auch abschalten vom disziplinierten, strukturieren Leben und ausnahmsweise mal müßig sein?
Ja. Ich bin dann weder superfaul noch superaktiv. Ich schau gern Netflix oder geh einkaufen. Es macht Spaß, einfach nur mal so aus dem Haus zu gehen, ohne zum Training zu müssen. Anfangs kommt da zwar schon mal der Gedanke, ob ich zu faul bin, weil wir sonst so viel trainieren, aber gleichzeitig fühlt es sich so gut an, einfach mal nichts zu tun. Wir brauchen auch hin und wieder eine Auszeit vom Volleyball, um Körper und Geist wieder erholen zu lassen und neu zu fokussieren und wieder gern zum Training zu gehen.

Man wird also auch für Müßiggang belohnt?
Ja, genau. Nach dem Pokalviertelfinale in Potsdam zum Beispiel haben wir unerwartet zwei Tage frei bekommen, das war fast ein Schock – was macht man mit der ganzen Zeit? Aber danach hat man gemerkt, wie frisch und munter alle wieder waren.

Justine Wong-Orantes (1,68 Meter), geboren am 6. Oktober 1995, stammt aus Cypress (Kalifornien). Während ihrer Collegezeit in Nebraska (Child, Youth and Family Studies) gewann sie mit ihrem Team u. a. 2015 die Nationale Meisterschaft und 2016 die Big Ten-Meisterschaft amerikanischer Universitäten. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen wie die zweifache Nominierung für das All-American First Team des amerikanischen Volleyballverbandes und die zweifache Ernennung zur besten Defensivspielerin im Big Ten-Tournament.

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