Bei den letzten drei Auflagen gewann jeweils die deutsche Mannschaft das Turnier und holte sich das Olympia-Ticket. Warum klappt es nun zum vierten Mal in Folge?
Guidetti: „Weil wir die gleiche Motivation und den gleichen Wunsch haben, uns für die Olympischen Spiele zu qualifizieren wie die Teams vorher. Und weil wir in Deutschland spielen und an uns glauben.“

Und wenn nicht? Dann sind Sie der Schuldige?
Guidetti: „Schuldig nicht. Und man kann sicher sein, bevor wir verlieren, werde ich alles Mögliche tun, um zu gewinnen. Vielleicht fühle ich mich verantwortlich für den Misserfolg wie es jeder Trainer empfindet, wenn die Dinge nicht so laufen wie gewünscht. Und vielleicht ein bisschen unglücklich darüber, dass bei einem Turnier wie diesem nur zwei Wochen Vorbereitung zur Verfügung stehen und der Einfluss des Trainers sich weitestgehend darauf reduziert, die richtigen Spielerinnen zu wählen.“

Was sind die Stärken ihrer Mannschaft?
Guidetti: „Wir sind wirklich ein Team, und das ist unsere Hauptstärke. Ich glaube, wir sind ähnlich wie ein Orchester: Wir haben einige Solistinnen (einige der weltbesten Spielerinnen) und Spielerinnen, die den Solistinnen helfen, eine große Leistung darzubieten.“

Kann dieser Teamspirit so stark sein, dass er die höhere Qualität beispielsweise von Russland bezwingt?
Guidetti: „In einem Turnier wie diesem mit nur fünf Spielen geht es in jeder Partie um Tod oder Leben. Ja, ich glaube dieser Teamgeist kann Berge versetzen.“

Sie haben mit Hanka Pachale eine Spielerin nach über sechsjähriger Nationalmannschaftspause zurückgeholt und Tanja Hart reaktiviert. Warum?
Guidetti: „Ich wollte dieses wichtige Turnier mit dem bestmöglichen Team spielen. Deshalb habe ich die besten deutschen Spielerinnen in der gesamten Welt angerufen. Mich interessiert nicht die Vergangenheit, mich interessiert, wer jetzt am besten ist.“

D.h., Sie messen der Erfahrung sehr viel bei?
Guidetti: „Italien hat es bei der EM und dem World Cup gezeigt – beide Turniere haben sie leicht gewonnen. Erfahrung ist im aktuellen Volleyball sehr wichtig. In jedem Spiel können wenige Bälle einen großen Unterschied machen und die Erfahrung lehrt dich, wie solche Bälle zu spielen sind.“

Der Einsatz von Weltklasse-Libero Kerstin Tzscherlich ist wegen einer Knie-Operation am 27. Dezember nicht möglich. Was macht Tzscherlich aus, was bedeutet ihr Ausfall?
Guidetti: „Kerstin ist nicht nur der Libero dieser Mannschaft. Sie ist eine zweite Mannschaftsführerin neben Angelina Grün. Sie ist eine großartige Person, die von allen im Team gemocht wird. Sie kennt den Volleyballsport sehr gut und sie ist eine Art zweiter Trainer auf dem Feld, nur dass sie nie ärgerlich wird wie ich. Ich hatte bis zuletzt gehofft, dass sie beim Turnier dabei ist, die Zeit war aber zu kurz. Mit Heike Beier habe ich aber eine sehr gute Alternative, zudem ist Kerstin da und kann mit Tipps helfen.“

Acht starke europäische Teams sind am Start, haben alle Siegchancen?
Guidetti: „Nein. Ich denke wir, Russland, die Niederlande, Polen, Serbien und die Türkei spielen um den Sieg.“

Charakterisieren Sie in kurzen Worten die sieben Gegner in Halle/Westfalen!
Guidetti: „Russland hat die besten Angreiferinnen und den besten Block in der Welt. Und wenn sie eine glückliche Woche erwischen, dann schlagen sie auch am besten auf. Serbien spielt sehr schnell, weil sie eine der weltbesten Zuspielerinnen haben. Zudem ist der Block ebenfalls stark.
Die Niederlande ist in meinen Augen der Favorit für das Turnier, weil sie als einzige Mannschaft drei Monate Vorbereitung hatten.
Polen ist immer stark. Glinka, Podolec und Skowronska sind drei hervorragende Angreiferinnen, und es ist immer sehr schwer gegen sie zu spielen, weil sie sehr hoch abschlagen.
Die Türkei spielt immer eine gute Verteidigung und sehr gute Kombinationen mit den Schnellangreiferinnen.
Kroatien hat ein junges Team mit einigen sehr guten Spielerinnen wie Barun beispielsweise.
Rumänien kenne ich nicht sehr gut, weil wir gegen sie zuletzt nicht gespielt haben. Mit Turlea und Nucu haben sie zwei sehr gute Spielerinnen in ihren Reihen, die auch in Italien spielen.“

Sie spielen in Deutschland vor eigenem Publikum. Ist das nur positiv zu bewerten oder erhöht das auch den Druck?
Guidetti: „Der Druck ist immer Teil des Spiels. Die Zuschauer können uns enorm helfen, diesen Druck zu senken.“

Sie haben bislang einmal in ihrer Karriere an Olympischen Spielen teilgenommen, erinnern Sie sich noch daran?
Guidetti: „Es ist unmöglich, sich nicht daran zu erinnern. Einzulaufen in das Stadion von Sydney mit 150.000 jubelnden Zuschauern, die Party machten. Es war eine beeindruckende Erfahrung, und ich hoffe, dass es keine einmalige war.“